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The Infernal Comedy

von Michael Sturminger

 

"The Infernal Comedy" ist ein Stück Musiktheater für Barockorchester, zwei Soprane und einen Schauspieler.

 

Protagonist der Geschichte ist Jack Unterweger - gespielt von John Malkovich. Der 1974 zu lebenslanger Haft verurteilte Mörder, hatte im Gefängnis zu schreiben begonnen. Seine Autobiographie, seine Theaterstücke machten ihn als "Häfenliterat" so bekannt, dass er aufgrund einer Petition von 700 Intellektuellen 1990 vorzeitig aus dem Gefängnis in den offenenen Strafvollzug entlassen wurde.
Wieder in Freiheit wurde er von der Wiener Schickeria als Journalist und Shootingstar der Literaturszene gefeiert, als Reporter für Hochglanzmagazine auch in die U.S.A. geschickt. Seine literarischen Vortragsreisen nutzte er jedoch, weitere Morde in Graz, Prag, Bregenz, Los Angeles und Wien zu begehen. In der Nacht nach seiner endgültigen Verurteilung 1994 beging er in der Zelle Selbstmord. Der Fall Unterweger wird allgemein bis heute als Musterbeispiel für fehlgeleitete Resozialisierungsma§nahmen betrachtet.

 

Seine Anziehungskraft, sein Charisma prädestinierten ihn zum Verführer. Noch heute sind Weggefährtinnen von seiner Unschuld überzeugt. Ein auf Schein, Lüge und Täuschung beruhendes Selbstverständnis thematisiert der Beginn des Abends: Post mortem beginnt der "Knastpoet" eine seiner Lesungen, diesmal in der Unterwelt. Es ist die Lesung seiner diesmal "wahren" Autobiographie, eines Buches, das im wirklichen Leben unmöglich, weil für ihn tödlich gewesen wäre. Zwei Frauen kreuzen seinen Weg: Sie repräsentieren, die abwesende Mutter, die Geliebte, die Verehrerin, das Opfer. Die beiden Sängerinnen sind vorerst bloß Aufputz eines künstlerischen Abends. Ihre Gesänge, die großen Szenen des 18. Jahrhunderts reflektieren jedoch mit wachsender Spannung Affekte, Gefühle, Lebenszustände der weiblichen Opfer.

 

Musik, die Klassik des 18. Jahrhunderts erfüllt hier zwei Aufgaben: melodramatisch legen sich die Instrumentalwerke Glucks und Boccherinis der Sprache unter, sie kommentieren und begleiten. Als große Interpolationen unterbrechen jedoch die Szenen und Arien von Haydn, Mozart, Weber und Vivaldi den gesprochenen Text. Bewusst gesucht ist der Kontrast zwischen neuem Text und alter Musik, sind durch rhetorischen Strukturen der großen Werke des 18. Jahrhunderts in ihrem zeitlosen Anspruch optimaler Ausdruck menschlichen Leidens und Glücks.

 

"The Infernal Comedy" schließt an jene große Tradition der klassischen Melodramen an, die schon von Mozart bewundert worden waren. Schauspiel, Gesang und Musik sollen hier zu einen ganz besonderen Verbindung geführt werden.